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Leseprobe SachsenMagazin / Rubrik: Faszination Handwerk

Von Nussknackern und Röhrenfiguren

Die zwei Seiten der erzgebirgischen Holzkunst


Eine junge Frau, die bärtigen Nussknackern Beine macht, und ein Galerist, der in alten Wasserröhren die Zukunft sieht: Ein Besuch im Spielzeugdorf Seiffen zeigt, wie eng im Erzgebirge Tradition und Moderne beieinanderliegen.

Bärtige Typen mit Biss
Mit aller Kraft drückt Melanie Schneider den großen Hebel der Leimpresse nach unten. „Puh“, stöhnt sie mit einem Lächeln, „das ist ganz schön anstrengend!“ Und weiter geht’s: Zwei Tupfen Leim mit dem Pinsel in die dafür vorgesehenen Öffnungen des gedrechselten Körpers auftragen, die langen Holzbeine genau in der richtigen Stellung einsetzen, andrücken und dann ab damit unter die Presse. Uuuund Druck. Wieder einer fertig. Erneut huscht ein Lächeln über ihr Gesicht.
Melanie Schneider macht Nussknackern Beine. Die junge Holzspielzeugmacherin hat bei der Seiffener Volkskunst eG gelernt und wurde nach der Ausbildung sofort übernommen – als Beste ihres Jahrgangs. Nun arbeitet sie in der 1. Seiffener Schauwerkstatt und zeigt anderen, wie man bärtigen Typen mit Biss ordentlich Druck macht. Neben ihr sitzt Monika Hermann. Sie setzt dem Ganzen die Krone auf. Mit geübtem Pinselstrich veredelt sie den Kopfputz der Nussknacker, die in Reih und Glied vor ihr Aufstellung genommen haben. Wer sich seine Sporen redlich verdient hat, bekommt von ihr den schwarzen Helm mit Gold verbrämt. Eine Ehre für jeden Nussknacker, der etwas auf sich hält.
So leicht und fluffig, wie es aussieht, ist das Malen dann aber doch nicht. Das kann man in der Schauwerkstatt sogar selbst ausprobieren und aus verschiedenen hölzernen Bastelsets wählen, was gebaut und bemalt werden soll: Räucherhäuschen, Rauchmann oder Nussknacker. Bewaffnet mit Kleber, Schleifpapier und speziellen Acrylfarbstiften – die Pinsel bleiben den Profis vorbehalten – geht es ans Werk. Nun heißt es leimen, passen, glätten, polieren, stricheln, tupfen, prüfen, „Schnee“ aufstäuben, pusten, lachen, staunen. Nach einer Stunde hält man stolz die erste selbstgebaute Erzgebirgsfigur im Arm.

Tradition trifft Moderne
Der Weg nach draußen führt vorbei am großen Fenster der Schauwerkstatt, hinter dem der Spanbaumstecher seinem Handwerk nachgeht. Mit großzügigen, sicheren Bewegungen schiebt er Span um Span von einer gedrechselten Spindel nach oben, bis sich die Späne zu kleinen Löckchen kringeln. Eine einzigartige Kunst, die es nur im Erzgebirge gibt. Die Spanbäume zieren nicht nur Pyramiden und Schwibbögen, sondern sind auch solo schmucke Accessoires für weihnachtliche Szenen. Davon können sich die Besucher im stilvoll dekorierten Ladengeschäft der Schauwerkstatt ein Bild machen, wo sie auch die bärtigen Nussknacker wiedertreffen. „Traditionelle Figuren sind nach wie vor überaus beliebt“, weiß Andreas Bilz, Geschäftsführer der Seiffener Volkskunst eG. „Unser klassisches Nussknacker-Sortiment ist seit Jahrzehnten der Renner.“ Doch auch Neuem gegenüber sind die über 40 Mitarbeiter aufgeschlossen. So wurde die Seiffener Volkskunst eG schon mehrfach beim Designwettbewerb Tradition & Form ausgezeichnet, der herausragende Gestaltungen der erzgebirgischen Volkskunst
würdigt. „Wussten Sie übrigens, dass wir hier die Ureinwohner des Erzgebirges entdeckt haben?“, fragt Andreas Bilz mit einem Augenzwinkern und verweist auf die haarigen „Urkugler“, die es sich zusammen mit einer grimmig-witzigen Räucherdrachenfamilie in einer Höhle gemütlich gemacht haben. In Zusammenarbeit mit dem Designer Karsten Braune entstehen in Seiffen die lustigen Kugelfiguren – schier unglaublich zu sehen, was man aus einer Kugel alles machen kann. „Eigentlich sind es ja nur Holzkugeln. Aber sie leben durch ihre Ausstrahlung“, weiß Bilz. Das ist die große Kunst: Einem Stück Holz ein lebendiges Wesen einzuhauchen. Eine Kunst, die man im Erzgebirge seit Jahrhunderten beherrscht. (Auszug)

 

Sylva-Michèle Sternkopf

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