Wer nicht gerade Hobby-Zoologe ist, muss hier wahrscheinlich passen. Und auch bei der Frage, wie genau die Tiere hinter diesen exotischen Namen aussehen. Doch keine Sorge: Im Zoo Leipzig gibt es seit Juli 2011 die Antwort und einen ganzen Urwald dazu. Schweißtreibende Temperaturen, 70 Prozent Luftfeuchtigkeit und ein wahres Regenwalddickicht holen den Dschungel in der riesigen Tropenerlebniswelt Gondwanaland nach Sachsen. Eine Fläche von 16.500 Quadratmetern überspannt das Hallendach aus Folienkissen mit einer Scheitelhöhe von 34,5 Metern. Flora und Fauna aus Südamerika, Afrika und Asien sind hier vereint – ganz so, wie sie vor Millionen von Jahren der Urkontinent Gondwana verband.
Auf den zweiten Blick
Zu einer scheinbar undurchdringlichen sattgrünen Wildnis formieren sich die Bäume, Sträucher, Farne und Gräser rund um den Urwaldfluss Gamanil, sperren die Großstadt aus, schlucken selbst Baustellen- und Straßenlärm direkt vor der Halle. Stattdessen rauscht ein Wasserfall in der Ferne und Vogelgezwitscher schwirrt durch die Luft. Leuchtende Blüten in knalligem Lila, Rot und Orange durchbrechen das dichte Blattwerk, in dem sich so mancher Regenwaldbewohner ein geschütztes Plätzchen gesucht hat.
Gondwanaland ist ein Ort der zweiten Blicke. Eile und Ungeduld werden hier nicht belohnt, denn dann würde ein gewöhnlicher braun-grüner Zweig eben nur ein Zweig bleiben. Zwei Minuten später kommt der aber vielleicht in Bewegung, wird zum geringelten Schwanz, geht in einen Rücken voller Stachel über … voilà, der grüne Leguan ist enttarnt, wie er sich Zentimeter um Zentimeter einen Ast entlangschiebt. Etwas ganz Ähnliches kann bei der Suche nach dem Ozelot passieren. Vor der Panoramascheibe des Geheges: nichts zu sehen außer etwas Geflecktem im Unterholz. Ein Bein, ein Ohr, ein Kopf? Gleich ist auch der letzte Tupfen verschwunden. Und plötzlich, auf einem ganz anderen Pfad, schon fast in „Afrika“ statt in „Südamerika“, führt eine unscheinbare schmale Stiege in eine kleine Höhle. Dort ist die Sicht frei auf das hinterste Eckchen der Ozelot-Behausung, in dem es sich die elegante Raubkatze bequem gemacht hat.
Unter, über, in den Baumwipfeln
Mit einer solchen Gemütsruhe haben die putzigen Totenkopfäffchen auf ihrer Insel im Fluss gar nichts am Hut. Viel zu interessiert sind sie an den Zweibeinern, die hier vorbeischauen. Behände springen die Äffchen den Besuchern vor den Füßen herum, klettern durch Baumkronen, balancieren über Holzgeländer oder sausen über die Planken am Boden. Auch die kleine Entenschar am Ufer ist vor ihrem Schabernack nicht sicher und sucht schnatternd das Weite.
Da können die Schabrackentapire Copashi und Laila von Glück reden, dass sie im Asien-Teil weit genug von den agilen südamerikanischen Kollegen entfernt sind. Nur keinen unnötigen Schritt tun, scheint die Parole des Pärchens zu sein, das faul im Schatten seiner Höhle liegt und döst. Gut, ab und zu unternehmen die behäbigen schwarzweißen Tiere mit dem markanten Rüssel doch einen Ausflug zum Gamanil und zeigen sich jenen Urwald-Entdeckern, die gerade im Boot vorbeigleiten. Vom Wasser aus fallen noch einmal ganz andere Details ins Auge und gelegentlich wird sogar das in einer Baumkrone hängende Faultier Leander gesichtet.
So viel zum Blick aus der Froschperspektive. Fehlt noch die Übersicht von oben: Dorthin führt vom Afrika-Bereich kommend über schaukelnde Hängebrücken der Baumwipfelpfad. Zwei Plattformen umschließen die beiden künstlichen Baumriesen genau in der Mitte von Gondwanaland und damit schon in „Asien“. Der Weg zurück auf festen Boden macht aber noch einmal einen Abstecher zum seltenen Zwergflusspferd und den Dianameerkatzen, die im Westen Afrikas heimisch sind und auch in Leipzig zusammenleben. Hier teilen sich die Tierarten ein Gehege.
Zum großen Finale führen die gewundenen Dschungelpfade zu äußerst raren und bedrohten Exoten, während die Luft feuchter und immer heißer wird. Mehrere Sunda-Gaviale, eine Krokodilart aus Südostasien, tummeln sich im Wasser oder genießen die wärmenden Sonnenstrahlen, die durch das transparente Hallendach fallen. Die lässt sich auch der urtümliche Komodowaran gern auf den Leib scheinen. Bis zu drei Meter lang kann die mächtige Echse werden.
Fehlen eigentlich nur noch die Quolls – die am Tag nicht viel tun, denn sie sind nachtaktiv. Deswegen haben diese tasmanischen Tüpfelbeutelmarder ihr Heim auch im abgedunkelten Vulkanstollen im Eingangsbereich von Gondwanaland. Und gerade im Dämmerlicht ist der zweite Blick oft der entscheidende …
Claudia Kaesler
Foto: Zoo Leipzig



