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Leseprobe Rubrik: Karl-May-Gedenkjahr 2012

Ein großer Fabulierer

Zu Ostern 1896 ließ der berühmte Abenteuerschriftsteller Karl May den Amateurfotografen Alois Schießer aus Linz anreisen.

 

In seiner Radebeuler Villa entstanden genau 101 Aufnahmen, die sowohl Leser als auch Besucher des Hauses von einem überzeugen sollten: Die Romanhandlungen des Erfolgsautors waren nicht seiner Fantasie, sondern eigenen Erlebnissen entsprungen!
Verkleidet schlüpfte der damals 54-jährige May in die Rollen seiner Ich-Gestalten Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi und posierte auch mit zweien der nach seiner Aussage „berühmtesten Gewehre der Welt“ – dem Bärentöter und Winnetous Silberbüchse. Lange wurde über deren Herkunft gerätselt, doch genauso wie bei der Old-Shatterhand-Legende („Old Shatterhand – das bin ich selbst.“) hatte May hier nachgeholfen. Beide Gewehre gab er bei dem jungen Dresdner Büchsenmacher Max Fuchs in Auftrag; 1902 erwarb er außerdem noch den nicht minder bekannten Henrystutzen.
 

Vom Häftling zum Erfolgsautoren
Mit seiner eigenen Legendenbildung hat Karl May ein gutes Stück dazu beigetragen, dass er und sein umfangreiches Werk nicht in Vergessenheit geraten. 100 Jahre nach seinem Tod am 30. März 1912 summiert sich die deutschsprachige Gesamtauflage seiner Erzählungen auf über 100 Millionen Exemplare. Dazu kommen beinahe noch einmal so viele Übersetzungen in rund 40 Sprachen.
Das Fabulieren machte May sich früh zu Eigen, doch meist brachte es ihm mehr Schaden als Nutzen. Aus äußerst ärmlichen Verhältnissen stammend, flüchtete er sich schon als Junge in Fantasiewelten. Mit etwa zwölf Jahren verließ er das heimische Ernstthal gar in Richtung Spanien, weil er dort einen edlen Räuber, der den Mittellosen half, aufsuchen wollte. Er kam allerdings nur bis Zwickau. Falsche Namen und Titel, Betrügereien und kleinere Diebstähle bestimmten seinen Lebensweg ab 1859 und wurden hart bestraft. Bis 1879 bescherten ihm solcherlei Straftaten mehrere Gefängnisaufenthalte.
Endlich wendete sich das Blatt aber doch noch: Mit Anfang 30 hatte Karl May begonnen zu schreiben und Kontakte zu Verlegern geknüpft. Das zahlte sich  schließlich aus – wenn auch nicht sofort in barer Münze, so doch in regelmäßigen Veröffentlichungen. Hier kam May sein unerschöpflicher Einfallsreichtum zugute: Reiseerzählungen, Abenteuer- und Indianergeschichten erschienen in verschiedenen Zeitschriften, Winnetou und Old Shatterhand erlebten ihre Geburtsstunde. Ab 1892 gehörten auch die finanziellen Sorgen der Vergangenheit an. Der Verlag Fehsenfeld publizierte fortan „Carl Mays Gesammelte Reiseromane“, eine Reihe, die bis 1910 auf 33 Bände anwuchs. (Auszug)
 
Claudia Kaesler 

 
Foto: Karl-May-Museum Radebeul

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