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Leseprobe Rubrik: 300 Jahre Porzellan-Manufaktur Meissen

In Feierlaune zum 300.

Die Strahlkraft dieses Firmenjubiläums reicht weit über Sachsen, ja sogar über Deutschland hinaus. Selbst in den USA und Japan heißt es 2010: Die Porzellan-Manufaktur Meissen wird 300 Jahre alt.

Eine Labornotiz vom 15. Januar 1708 markiert die Geburtsstunde des europäischen Hartporzellans. Nach jahrelangen systematischen Versuchen war es der Forschergruppe in der Dresdner Jungfernbastei auf der Suche nach einer Rezeptur für Porzellan erstmals gelungen, Proben zu entwickeln, die als „sehr schön weiß und durchscheinend“ beschrieben wurden. Ein Jahr später meldete Johann Friedrich Böttger diese Erfindung dem Kurfürsten von Sachsen und König von Polen, August dem Starken. Bereits 1710 wurde die erste europäische Porzellanmanufaktur auf der Albrechtsburg in Meißen gegründet. Somit begann vor 300 Jahren die Erfolgsgeschichte des berühmten Meissener Porzellans, seit 1722 mit der Marke der „Gekreuzten Schwerter“ gekennzeichnet. Bis heute fertigen es die Mitarbeiter der Manufaktur in traditioneller Handarbeit. Tafelservice, Figuren und Accessoires werden per Hand ausgeformt, bearbeitet und kunstvoll bemalt. Weltweit vertrauen Anhänger der gehobenen Tischkultur, Porzellanliebhaber und Sammler auf die Qualität und Handwerkskunst, für die Meissen steht. Das Firmenjubiläum nimmt die Porzellan-Manufaktur Meissen zum Anlass, den Beginn des vierten Manufaktur-Jahrhunderts mit Ausstellungen, limitierten Jubiläums-Editionen und Festveranstaltungen zu feiern.

„All Nations are Welcome“
Diesem Credo widmet sich von Januar bis Dezember dieses Jahres eine Sonderausstellung in der Porzellan-Manufaktur Meissen – ein Ereignis von besonderer kultureller Bedeutung für Europa. Meissen wird in der ganzen Welt verschenkt; gleichzeitig sind ferne Länder, Kontinente und Epochen seit jeher eine unerschöpfliche Inspirationsquelle: der Zauber Asiens, der märchenhafte Orient, die ewige Schönheit der Antike. Die Ausstellung vereint die verschiedenen Facetten Meissener Internationalität und belegt diese mit herausragenden Meissener Porzellanen. Besondere Höhepunkte sind Porzellane für die russische Zarin Katharina II., genannt „die Große“, oder Porzellankunst der Gegenwart, darunter die Großplastik eines Weißkopfseeadlers für die amerikanische Botschaft in Berlin.
Parallel ist in der Manufaktur – im Museum of Meissen Art – auch „Der Meissener Porzellan-Zoo für kleine und große Kinder“ als eine der sieben Sonderausstellungen zu sehen. Die Inszenierung von Tieren hat Porzellankünstler der Manufaktur MEISSEN vom Barock bis in die Gegenwart beschäftigt.

Fotoausstellung Joachim Baldauf
Die faszinierenden Fotografien von Joachim Baldauf zeigen Mythos und Geschichte des Meissener Porzellans aus Sicht dieses hoch dekorierten deutschen Fotografen, der als Grenzgänger zwischen Fashion- und Avantgardefotografie gilt. Internationales Renommee erlangte er unter anderem durch seine bahnbrechende Sicht inszenierter Interior-, People- und Design-Fotografie für das Lifestyle-Magazin Wallpaper. Baldauf sagt selbst über sein Ausstellungskonzept: „Grundgedanke war die Darstellung von Meissener Porzellan in bislang ungesehener Art. Weg vom Handwerk, hin zur Kunst.“ Die rund 30 Werke umfassende Ausstellung wird dem Publikum gemeinsam mit der exklusiven Schau „Der Stein der Weis(s)en“ (mehr dazu auf den Seiten 20 und 21 im SachsenMagazin) auf der altehrwürdigen Albrechtsburg präsentiert. Auch in Berlin und Dresden stehen im Jubiläumsjahr Meissener Porzellane im Mittelpunkt großer Inszenierungen (mehr dazu auf den Seiten 18 und 19 im SachsenMagazin).

Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH
Porzellan-Museum/Besucherbüro, Talstraße 9, 01662 Meißen
Tel. 0 35 21 / 46 87 00 oder 0 35 21 / 46 82 08; Fax 0 35 21 / 46 88 04
museum@meissen.com, www.meissen.com

Öffnungszeiten
1.5.–31.10.: täglich 9–18 Uhr; 1.11.–30.4.: täglich 9–17 Uhr; 31.12./1.1.: 10–16 Uhr
Schließtage: 24., 25. und 26.12.

Eintrittspreise
Schauhalle mit Sonderausstellung und Schauwerkstatt (Erläuterungen über Raumtoneinspielung): 8,50 Euro
Ermäßigt (Kinder 6–18 Jahre, Studenten, Behinderte ab 50 %): 4,50 Euro
Familienkarten (2 Erwachsene und Kinder bis 18 Jahre): 18,50 Euro
Gruppenkarte (ab 20 Personen): 6,50 Euro p. P.
Kinder bis 6 Jahre/Schwerstbehinderte 100 % mit Begleitperson: freier Eintritt
Für Gruppen ab 10 Personen wird eine Anmeldung empfohlen.

Veranstaltungstipps 2010
23.1.–31.12. Sonderausstellung „All Nations are Welcome“ in der Manufaktur MEISSEN
23.1.–31.12. Sonderausstellung „Der Meissener Porzellan-Zoo für kleine und große Kinder“ in der Manufaktur MEISSEN
Mai–Oktober Fotoausstellung Joachim Baldauf auf der Albrechtsburg Meissen

Leseprobe Rubrik: Via Regia

Der "Königliche Weg"

Vom beginnenden Mittelalter bis in die Gegenwart hat sich die Via Regia ihren Status als bedeutendste Ost-West-Verbindung Europas bewahrt. Auf ihr waren Kaufleute unterwegs, Pilger, Handwerker, Landwirte, Militärs, Ordensleute.

Ursprünglich leitete sich der Name Via Regia – übersetzt als der „Königliche Weg“ – vom königlichen Schutz mittelalterlicher Straßen ab, die rechtlich dem König unterstellt waren. Im deutschen Sprachraum heißt die Via Regia
gelegentlich auch Hohe Straße. Heute nun wird diese älteste und längste Landverbindung zwischen Ost- und Westeuropa als Zeichen internationaler Zusammenarbeit wiederbelebt. 2005 erhielt die Via Regia die Auszeichnung „Kulturstraße des Europarates“. Mit ihrer jetzigen Streckenführung von Kiew in der Ukraine bis Santiago de Compostela in Spanien orientiert sie sich eng an historischen Wegen. Wie damals schon, so sollen auch zukünftig als Beitrag zum europäischen Einigungsprozess Handel, kultureller Austausch und Kommunikation im Korridor der Via Regia gefördert und darüber hinaus neue Kooperationen entwickelt werden.

Landverbindung von Ost nach West
Die Via Regia wurde erstmals 1252 in einer Urkunde des Meißner Markgrafen Heinrich erwähnt. Doch schon vorher war der Fernhandel zwischen Ost und West aufgeblüht. Während Transporte im Ostseeraum per Schiff abgewickelt wurden und von Süden nach Norden die schiffbaren Ströme Oder, Elbe, Weser und Rhein flossen, war für Warenlieferungen zwischen Ost- und Zentral- sowie Westeuropa eine Landverbindung nötig. Entlang dieser Trasse gründeten Kaufleute ihre Handelsniederlassungen meist an Flussübergängen. Später entstanden hier Städte, die seit dem 12. Jahrhundert zu wichtigen Handels- und Wirtschaftszentren wuchsen. Diese gelangten zu Wohlstand und Reichtum, imposante Befestigungsanlagen, Wohn- und Sakralbauten wurden errichtet.
Neben den Kaufleuten nutzten auch Gläubige die Magistrale, um nach Aachen zu pilgern oder in Santiago de Compostela am Grab des Heiligen Jakobus zu beten. Selbst das Militär zog entlang der Via Regia. Vom hohen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert gab es hier Truppenbewegungen, beispielsweise im Dreißigjährigen Krieg, in den napoleonischen Feldzügen oder im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Bewegung, Begegnung, Besinnung
In Sachsen erstreckt sich die Via Regia zu beiden Seiten der Elbe von Görlitz bis nach Leipzig. Damit durchquert sie drei reizvolle Urlaubsregionen: die Oberlausitz, das Sächsische Elbland und das Sächsische Burgen- und Heideland. Städte, Dörfer, Landstriche, die ihre gemeinsame Geschichte an dieser alten Handelsstraße verbindet, haben vieles zu bieten, das dem Motto der Via Regia „Bewegung, Begegnung, Besinnung“ entspricht. Dies ist auch das Bestreben des Vereins Via Regia Begegnungsraum Landesverband Sachsen. Verborgenes soll ans Licht geholt, geschichtlich Interessierte hier fündig werden. Bildung und internationaler Jugendaustausch rücken in den Fokus. Darüber hinaus stehen die Orte rund um die Kulturstraße auch für Ruhe und innere Einkehr.
Neben der kartografischen Erfassung ist bis 2011 eine einheitliche Ausschilderung der Via Regia im Freistaat angedacht. Nach Kriterien des EU-Rates wurden Schilder erarbeitet, die den Verlauf in den an der historischen Trasse gelegenen Kommunen kennzeichnen sollen. So weist in Reichenbach in der Oberlausitz bereits das Ortseingangsschild auf die Via Regia hin. In einem zweiten Schritt sind Informationstafeln an markanter Stelle in der jeweiligen Ortsmitte geplant.
Ein weiteres großes Projekt widmet sich einer europäischen Straße der Künste mit dem Titel Via Regia sculptura. Der Grundstein dafür wurde im Januar 2009 gelegt. Ziel ist es, Räume der Begegnung durch Kunst zu eröffnen und einen kulturellen europäischen Dialog zu befördern, die sächsische Kulturlandschaft durch Kunstund Kulturprojekte im öffentlichen Raum zu bereichern und gleichzeitig die Leistung bildende Künstler anzuerkennen. Erste künstlerische Projekte soll es im Rahmen der 3. Sächsischen Landesausstellung via regia 2011 in Görlitz geben.

Pilgern an der Via Regia
Jakobswege durchziehen Europa wie ein Gewässernetz. Sie alle münden letztlich im Camino Francés, der zum Grab des Apostels Jakob d. Ä. ins spanische Santiago de Compostela führt. Der Ökumenische Pilgerweg durchquert im Zuge der Via Regia als ein Jakobsweg auch Mitteldeutschland: von Görlitz über Bautzen, Kamenz, Großenhain, Wurzen und Leipzig in Richtung Merseburg und weiter nach Thüringen. Er orientiert sich am historischen Verlauf der Via Regia. Das erste Teilstück bis Erfurt wurde im Jahr 2003 in Königsbrück wieder offiziell als Pilgerweg eröffnet. Im wachsenden Netz europäischer Pilgerwege bildet er seitdem eine wichtige Verbindung zwischen Ost und West. Für Pilger, die vor allem Ruhe suchen, ist die sächsische Teilstrecke nahezu ideal, da sie noch nicht so überlaufen ist wie die Hauptroute in Spanien. Herbergen gibt es entlang des Weges, bei Pfarrämtern und Privatleuten.
Eine recht außergewöhnliche Übernachtungsmöglichkeit bietet sich in Königsbrück. Im Ortsteil Stenz wurde 1826 ein Haus für die Schwächsten und Ärmsten der Gemeinde errichtet. Vom Heimatverein liebevoll rekonstruiert, ist es heute für künftige Generationen ein eindrucksvolles Zeugnis alter Dorfgeschichte und zeigt, mit wie wenig die Menschen damals auskommen mussten. Das Museum kann jeden ersten Sonntag und nach Vereinbarung besichtigt werden. Auch naturverbundenen Pilgern steht das Haus offen. Im Dachgeschoss ist Platz für drei Schlafplätze, außerdem gibt es einen Wohnraum mit Holzofen, wo gekocht werden kann, einen Eimer Wasser zum Waschen und den „Abtritt“, ein Holzhäuschen hinter dem Haus.

Pilgerherbergen am Weg (Auswahl)

Landkino im evangelischen Pfarrhof Arnsdorf
www.landkino-arnsdorf.de

Bauernhof Wujanz, Weißenberg OT Nechern
www.bauernhof-wujanz.de

Alte Herberge Weˇten´ca, Nebelschütz OT Dürrwicknitz
www.kreativurlaub-lausitz.de

Zisterzienserinnen-Abtei St. Marienstern, Panschwitz-Kuckau
www.marienstern.de

Pilgerherberge Crostwitz
Tel. 03 57 96 / 9 64 94

Heldhaus Nebelschütz
www.heldhaus.de

Wal- und Wüsteberghaus, Schönteichen OT Schwosdorf
www.wal-wueste-berg.de

Armenhaus Stenz, Königsbrück
Tel. 03 57 95 / 4 69 05

Heimathaus Reichenau, Haselbachtal
Tel. 03 57 95 / 4 26 93

Zauberschloss Schönfeld
www.schloss-schoenfeld.de

Glashof Riesa, Herberge und Künstlerhaus
Tel. 0 35 25 / 63 34 47, 01 73 / 5 91 65 77

Leseprobe Rubrik: Familienurlaub in Sachsen

Nicht von schlechten Eltern

Die Europa-Jugendherberge im Schloss Colditz eröffnete 2007.

Versteckt gelegene Orte eignen sich gut als Geheimtipp. Colditz mit seinen 5.000 Einwohnern kann man wohl dazu zählen, auch wenn zwei Bundesstraßen die Stadt kreuzen. Grün zeigt sich die Landschaft, das Eiscafé am Markt ist zu empfehlen, den historischen Stadtkern zieren Häuser im Renaissance-Stil. Ihr Wahrzeichen jedoch thront hoch über der Muldengemeinde: Schloss Colditz. Mit der noch jungen Europa-Jugendherberge und der neuen Landesmusikakademie Sachsen ist hier wie schon so oft in der Vergangenheit wieder einiges in Bewegung.
Die Zeiten, in denen fast nur Schulklassen in Jugendherbergen übernachtet haben, sind längst vorbei. Das sagt Sandy Dörner-Helm, die stellvertretende Herbergsleiterin. Auch Familien finden immer häufiger den Weg nach Colditz. Schließlich gibt es hier besonders für die Kleinen einiges zu erleben. Wer logiert schon nicht gern in einem echten Schloss? Noch dazu in einem, dessen Bauten auf steil abfallenden Felsen so imposant in die Höhe ragen. Deswegen ist auch erst einmal Treppensteigen – oder eine Fahrt mit dem Aufzug – angesagt, um zur Rezeption zu gelangen.
Schloss Colditz gilt durch seine vielen aus dem 16. Jahrhundert stammenden Gebäude als eines der bedeutendsten Renaissanceschlösser im mitteldeutschen Raum. Der Jugendherbergsbau wurde jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, als hier unheilbar Geisteskranke untergebracht waren. Von diesem Kapitel der Geschichte und auch den Jahren als Krankenhaus, das schließlich 1996 auszog, spürt man heute nichts mehr. Die Flure sind in fröhlichen Farben gestrichen, an den Wänden hängen Bilder junger Künstler. Warmes Rot umrahmt den Empfangsbereich mit seiner gemütlichen Sitzecke und reichlich Informationsmaterial zu Ausflugszielen in der Umgebung. „Colditz liegt genau zwischen Leipzig, Chemnitz und Dresden – perfekt für Entdeckungstouren durch Sachsen“, erklärt Sandy Dörner-Helm.

Ein weltoffenes Haus
Wer noch Anregungen braucht, hat in den Mitarbeitern der Jugendherberge die richtigen Ansprechpartner gefunden. Empfehlen können sie neben Tagesausflügen auch, vorab eines der vielen thematischen Programme zu buchen. „Schlösser, Ritter und Gespenster“ heißt beispielsweise ein Angebot für Familien, bei dem natürlich das Schloss erkundet wird, außerdem eine eigene Ritterburg gebastelt werden kann und ein typisches Ritteressen stattfindet. Drei Familienzimmer mit getrenntem Eltern- und Kinderbereich gehören in Colditz zur Ausstattung – so unterscheidet sich der Urlaub in der Jugendherberge kaum von dem im Hotel. Zum Austoben gibt es noch dazu ein Kinderspielzimmer.
Spannende Tage erleben regelmäßig Schulklassen im Schloss, einige sind sogar schon zu Stammgästen geworden. Manche, wie die Kinder der Grundschule Riesa, haben bleibende Spuren hinterlassen. Auf die nach der Eröffnung 2007 noch kahlen Wände des Tischtennisraumes zauberten sie fantasievolle, kunterbunte Figuren. Nur wenige Schritte weiter führt eine Verbindungstür in die benachbarte Landesmusikakademie. Hier finden Sänger und Musiker aller Altersgruppen ideale Probebedingungen; zum Essen und Schlafen kommen sie in die Jugendherberge.
Ein Haus, das Europa bereits im Namen trägt, zeigt sich natürlich weltoffen. Internationale Besucher sind willkommen und dreimal im Jahr zählen auch Schüler aus ganz Deutschland zu den „ausländischen“ Gästen. In den Sommer- und Herbstferien können 14- bis 18-Jährige am English Camp at Colditz Castle teilnehmen und in Unterrichtsstunden, bei einer Schlossführung, Stadtbesichtigungen und vielen weiteren Freizeitaktivitäten ihre Englischkenntnisse verbessern. Deutsch sprechen ist dann natürlich nicht angesagt, vielmehr „learning by doing“ – denn auf Schloss Colditz kann man auch ganz einfach mit Gästen verschiedenster Nationalitäten ins Gespräch kommen.

Legendäre Fluchtgeschichten
Es sind besonders Briten, die seit Jahren nach Colditz pilgern. Das Schloss ist für sie von legendärer Bedeutung, seit hier während des Zweiten Weltkrieges das Gefangenenlager Oflag IV C für alliierte Offiziere, darunter auch namhafte wie der Neffe Winston Churchills, eingerichtet war. Trotz seiner scheinbaren Ausbruchssicherheit war Schloss Colditz zwischen 1940 und 1945 Schauplatz zahlreicher spektakulärer Fluchten. Nach Kriegsende schrieben ehemalige Gefangene ihre Erinnerungen an diese Zeit nieder, Filme und Spiele entstanden und machten Colditz im angelsächsischen Raum populär. Das Museum im Schloss zeichnet viele Fluchtversuche nach und zeigt unter anderem, wie alltägliche Gebrauchsgegenstände zum Bau von Fluchthilfsmitteln verwendet wurden.

www.jugendherberge-sachsen.de

Leseprobe Rubrik: Erzgebirge

Auf neuen Wegen

Mit dem Erzgebirge, dem Mittelgebirge im südlichen Sachsen, das auf seinem Kamm die Grenze zu Tschechien verkörpert, verbindet man Engel, Nussknacker und Räuchermännchen.

Meist sind sie niedlich und verspielt, vertraut aus der Kindheit in Omas guter Stube. Dass es auch anders geht,  beweisen junge Unternehmer, die die Grenzen des Begriffes „Erzgebirgische Holzkunst“ ausloten. Ihre Produkte stoßen vor in die modernen Apartments des 21. Jahrhunderts. Und auch alte Füchse suchen die Herausforderung in der Innovation.

Engel im sinnlichen Look
„Dürfen Engel sexy sein?“, fragten sich Sylva-Michèle Sternkopf und ihre Schwester eines Tages, als sie am Küchentisch ihres Elternhauses saßen und über eine eigene Kollektion zum 110. Firmenjubiläum der Firma ihres Vaters sinnierten. Paul Sternkopf hatte die heutige „Erzgebirgische Holzkunst Gahlenz GmbH“ über 60 Jahre geleitet. Bei einem Glas Wein entstand die Idee erotischer Engel. „Wir wollten mit unseren Engeln Figuren schaffen, die das moderne Frauenbild widerspiegeln. Es sollte kein steifer Lichthalter mit Schürze werden, der dem heimkehrenden Bergarbeiter-Ehemann brav die Lampe hält. Wir wollten etwas kreieren, mit dem sich die junge moderne Frau von heute identifizieren kann“, sagt Sylva-Michèle Sternkopf. Mit asymmetrischen, minimalistischen Formen und einem sinnlichen Look sind die Engel zeitgemäß und dennoch zeitlos, mit den abnehmbaren Flügeln auch außerhalb der Weihnachtszeit schön anzusehen. Die Idee hatte Erfolg. Auf die erste Kollektion 2006 folgte im vergangenen Jahr eine Version sitzender Engel.
Für die 36-jährige promovierte Sprachwissenschaftlerin war die Aktion eine Herzensangelegenheit, um der Sternkopf-Marke ihren alten Glanz zurückzugeben. Holzdesign wird ihr Hobby bleiben, denn hauptberuflich ist sie Chefin einer Werbeagentur. Doch auch hier hat sie mit dem Thema Holzkunst zu tun. Seit 2007 betreut Sylva-Michèle Sternkopf die Werbekampagne „Die Kunst zum Leben.“ des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller. In der Imagebroschüre schildert sie die Entstehung der Holzkunst-Tradition im Erzgebirge, dem die großen Erzvorkommen im 16. Jahrhundert seinen Namen bescherten – so wie den Kurfürsten und Königen Reichtum und Ansehen. Kobalt, Zinn, Eisen und Blei, aber vor allem Silber ließen kleine Orte von Seiffen bis Schwarzenberg, von Oberwiesenthal bis Freiberg zu Bergstädten mit prächtigen Kirchen und historischen Stadtkernen werden. Dafür mussten die Bergleute hart arbeiten. In tiefen, dunklen Stollen gruben sie nach den Schätzen, besonders im Winter sahen sie kaum Tageslicht. War das Drechseln von Gegenständen einst ihr Zubrot in der dicht bewaldeten Heimat, so wurde es mit dem Schwinden der Bodenschätze Ende des 18. Jahrhunderts zur bitteren Notwendigkeit. Heute ist die Holzkunst Lebensgrundlage einer ganzen Region, steht Holzkunst als ein Synonym für Volkskunst.

Tradition in neuer Form
Schon viel länger als die Sternkopf-Schwestern und hauptberuflich arbeitet Björn Köhler an einer eigenen Handschrift der erzgebirgischen Holzkunst. Der gelernte Drechslermeister begann kurz vor der deutschen Wiedervereinigung, sich selbständig zu machen. Sein Ziel: eine Kollektion zu entwerfen, in der sich traditionelles Handwerk und Gestaltungsansprüche der Gegenwart verbinden. Nicht einfach waren die ersten Jahre, in denen die bekannten Firmen mit traditionellen Figuren und Formen einen Vorteil hatten. Heute hat Björn Köhler 26 Mitarbeiter
und seine Weihnachtsmann-Band spielte anlässlich des 20-jährigen Betriebsjubiläums zum Tusch auf. „Ich mache das, was ich wirklich mag und versuche mich nicht von der Tradition einengen zu lassen“, sagt der 44-Jährige. Sein Credo ist, sich auf das Wesen der Dinge zu konzentrieren. Ganz am Anfang standen Maria und Josef, am Ende war es eine ganze Krippe – stilisiert, minimalistisch und ganz anders als Althergebrachtes –, die ihm zum Durchbruch verhalf. Eben erschien eine kleine Schachedition als Hommage an die ehemalige Schachfigurenfabrik auf dem Nachbargrundstück. Die Käufer seiner Produkte sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und damit deutlich jünger als die anderer Holzkünstler. Sie haben ein Faible für gutes Design und klare, schöne Formen. 350 Fachhändler vertreiben Köhler-Handwerk, die Wirtschaftskrise bemerkt der Unternehmer nicht. Expansion kommt für ihn dennoch nicht in Frage. Die einzelnen Figuren sollen weiterhin in Handarbeit entstehen, ihre Seele nicht verlieren. Es werden auch künftig Kleinserien von 20 bis 250 Stück produziert.
Bereits vier Mal wurden Björn-Köhler-Kreationen vom Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller mit dem Designpreis „Tradition und Form“ ausgezeichnet. Seit 1995 würdigt dieser Entwürfe, die in der erzgebirgischen Holzkunst Zeichen setzen und den Formenschatz mit neuen Impulsen bereichern. Die Grundformen erzgebirgischer Holzkunst sind ein Spiegel ihrer Entstehungszeit. So symbolisierte der Nussknacker die strenge und willkürliche Obrigkeit. Mit volkstümlichem Humor gaben die Handwerker den Soldaten, Gendarmen und Fürsten harte Nüsse zu knacken. Der Räuchermann stand dem Nussknacker als Ebenbild des „kleinen Mannes“ gegenüber, sympathisch und als leidenschaftlicher Pfeifenraucher. Die meisten Figuren haben ihren Ursprung in der Bergwerkstradition, wie der Bergmann. Der Engel, seine Frau, leuchtet ihm mit Kerzen in den Händen den Weg heim. Oder die Pyramide, deren Vorbild ein Pferdegöpel, ein von Pferden betriebenes Drehwerk ist, mit dessen Hilfe die Erze an die Erdoberfläche gehoben wurden. Der Schwibbogen hat den Weg in die moderne Zeit ebenso gefunden, ist er doch die Nachbildung des halbrunden Stolleneingangs, der in der letzten Schicht vor Weihnachten mit Grubenlampen geschmückt wurde.

Tradition mit Mehrwert
Auch Ringo Müller hat den Designpreis „Tradition und Form“ schon bekommen, ebenso wie Gerhard Feldevert. Als Kind liebte er es, auf dem Dachboden mit seiner Modelleisenbahn zu spielen. Heute leitet der 39-Jährige die Kleinkunst aus dem Erzgebirge Müller GmbH in vierter Generation und sein altes Hobby bescherte ihm neue Geschäftsideen. Es sind weniger die Formen, die sich vom Traditionellen abheben, als die raffinierte Technik, die seine Produkte zum Vorreiter macht. Bereits 1996 nahm sein Vater den ersten komplett innenbeleuchteten Schwibbogen seines Sohnes in das Sortiment auf. Im Jahr 2004 erschien mit „Alt-Dresden“ der weltweit einzige Schwibbogen mit Soundelektronik – das erste Elektronikmodul stammte aus einer Modelleisenbahn. Und im vergangenen Jahr zum 110. Firmenjubiläum präsentierte Müller den neuesten Clou: eine batteriebetriebene elektronische Spieldose mit Bluetooth-Soundelektronik, die gemeinsam mit der Technischen Universität Chemnitz entwickelt wurde. In fünf Playlisten können über Handy oder Computer kabellos jeweils bis zu 15 Musikdateien gespeichert werden. Aber auch eigene Aufnahmen, wie gesprochene Liebesgedichte, oder eine Programmierung als Wecker sind möglich. Zudem sind die Szenen auf der Spieluhr per Magnet befestigt und somit austauschbar. „Kundenwünsche und die Suche nach neuen Herausforderungen treiben uns an“, sagt Ringo Müller über sein Team von 35 Mitarbeitern. „Wir bewegen uns in einem Spagat zwischen Tradition und Moderne. Mit unseren Inno-vationen wollen wir sanft eine neue Klientel begeistern.“ Werksvertretungen in den USA, Japan und Großbritannien übernehmen die Vermarktung im Ausland. (...)

MARITA LAU

Mehr über erzgebirgische Holzkunst im Magazin zum Blättern oder zum Kauf.

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