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Leseprobe Rubrik: Mobile Welten

Im Sachsenzug ohne jede Eile unterwegs

Von Station zu Station wie vor 100 Jahren


Bimmelnd fährt der Sachsenzug am Bahnhof in Zittau vor, mit einer schnaufenden Lokomotive an der Spitze. Geradezu majestätisch gleitet sie heran, während zahlreiche Passagiere der dampfenden Maschine erwartungsvoll entgegenschauen. Angesichts des stählernen Kolosses wird augenblicklich bewusst, woher die Eisenbahn ihren Namen hat.
Sobald der Zug der Sächsisch-Oberlausitzer Eisenbahngesellschaft steht, kommt Bewegung in die wartende Menge. Einige Leute steigen sofort ein. Andere gehen am Bahnsteig entlang, um die historische Wagenreihe aus der Anfangszeit der sächsischen Schmalspurbahnen in Augenschein zu nehmen. Besonders dicht umringt ist die 1908 in Chemnitz gebaute Dampflok der Gattung IV K. Ein älterer Herr erklärt einem staunenden Jungen die Wasserkästen, die immerhin 2.400 Liter fassen. Großvater und Enkel gehen an diesem Samstag offensichtlich mit der ganzen Familie auf Tour ins Zittauer Gebirge. Der Vater entdeckt ein heruntergefallenes Stück Steinkohle und hält es hoch. Bis zu 1,2 Tonnen Brennstoff kann die Lok an Bord nehmen. Autoverwöhnten Kindern steht die Begeisterung ins Gesicht geschrieben, Erwachsene sind nicht minder fasziniert von der alten, soliden Technik.
Die vier Wagen sind gut besetzt. Vielleicht liegt es daran, dass der Sachsenzug nur im Abstand von 14 Tagen an den Wochenenden zwischen Mai und Oktober fährt. Mag sein, dass sich mancher bewusst das Erlebnis gönnt, in sorgsam rekonstruierten Waggons wie vor 100 Jahren zu reisen. Tatsächlich fühlt man sich in die Zeit der Königlich Sächsischen Staatseisenbahn anno 1915 versetzt.

Die Klasse macht den Unterschied
Jeder Wagen ist anders ausgestattet. Es lohnt sich daher, den unterschiedlichen Fahrkomfort zu testen, indem man unterwegs in einen anderen Waggon umsteigt, wenn die Kleinbahn an einer Station hält. In der vierten Klasse etwa
finden sich sehr einfache Holzbänke, die nur eine schmale Leiste zum Anlehnen haben. Ähnlich hart, aber mit ausgeformter Lehne sind die Plätze in der dritten Klasse. Falls großer Andrang herrscht, gibt es zusätzlich sechs Sitze zum Ausklappen im Gang. Über den Bänken Gepäcknetze, die ihren Namen wahrlich verdienen. Selbst eine Toilette oder – wie es früher hieß – ein Abort ist an Bord.
Deutlich bequemer reist es sich im Abteil mit grünen Polstern. Von der billigeren Klasse durch eine Schiebetür abgetrennt, befindet es sich im stilvollen Waggon mit Oberlichtfenstern. Erst 2017 wurde der Sachsenzug damit verstärkt. Wer sich gern den Fahrtwind um die Nase wehen lässt, gönnt sich draußen stehend den Blick auf die vorbeiziehende Landschaft. Stets ein freundliches Wort hat der zur Fahrkartenkontrolle durch die Wagen gehende Zugbegleiter auf den Lippen, auch zu den vielen Details links und rechts der Strecke kann er bestens Auskunft geben. (Auszug)

www.zittauer-schmalspurbahn.de
 

Anett Böttger

Foto: Mario England

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